Geschichte der Kampfkunst

Die Geschichte der Kampfkünste ist vermutlich so alt wie die Kultur des Menschen schlechthin. Sie beginnt nachweislich mit hochentwickelten Techniken auf Felsenbildern der altägyptischen Pyramiden, geht weiter über die Kämpfer der griechischen und römischen Antike (Ringen, Boxen, Pankration, Gladiatoren) nach Indien, China und Japan, und trifft mit der europäischen Expansion nach Asien dort wieder auf die spätmittelalterlichen europäischen Fecht- und Nahkampfsysteme, die sich dabei wieder genauso überlegen zeigen wie beim ersten Mal unter Alexander dem Großen. Die europäischen Waffen erobern ab dem 15. Jhdt. die Welt und mit ihnen die dafür entwickelten Kampftechniken: Die im europäischen Fechten entwickelte Zentrallinientheorie mit besonderer Betonung des möglichst gradlinigen Angriffs,  und die daraus resultierende Bindungskontrolle (Arbeit „im Band“) wird auch auf das Kämpfen ohne Waffen übertragen (z.B. gerader Fauststoß mit stehender Faust; Kontrolltechniken der Arme und Betonung des Fühlens). Diese Entwicklung wird am deutlichsten im philippinischen „Escrima“ (spanisch „Kampf“) und „Arnis“ (span. „Harnisch“) wo die gleichen Techniken und Bindungen im Kampf mit und ohne Waffe eingesetzt werden, unserer Ansicht nach die letzte lebende direkte Traditionslinie des europäischen Schwertkampfs . Für Meister Lichtenauer, dessen Lehrverse ab 1400 n.Chr. mehr als 200 Jahre die mitteleuropäische Fechtkunst dominieren(sogenannte "Deutsche Fechtschule"), ist die Entwicklung der Techniken aus dem „Fühlen“ heraus das Wesen des Kampfes schlechthin, und er betont deshalb immer wieder die grundlegende Bedeutung. (Nur am Rande sei vermerkt, daß das chinesische Wing Chun-Kung Fu mit Betonung  genau der gleichen Prinzipien auch erst zu einem Zeitpunkt entsteht, als die europäischen Fecht-,Faust- und Grifftechniken in China bereits im Einsatz sind!)

Allerdings tritt nun ein Umstand ein, der in Europa zu einem relativ schnellen Absterben dieser bis dahin großartigen Entwicklung führt, nämlich der rasante Aufstieg der Schußwaffen, bis sich ab der 2.Hälfte des 18.Jhdts. auch im Duell die Pistole durchsetzt.  Ab diesem Zeitpunkt werden alle Nahkampftechniken mit körperlichem Einsatz entwertet und fallen Stück um Stück und immer schneller dem Vergessen anheim, die lebende Traditionslinie stirbt ab. (Eine nette Geschichte auch hier ist, daß in Japan, wo die Entwicklung auf diesem Sektor sehr ähnlich verläuft, ein Deutscher, nämlich Prof. Baelz als Leibarzt des Tenno, den Anstoß zur Rettung der alten Kampfkünste (Bu-Jutsu) gibt, und zwar für seine Studenten aus gesundheitlichen Gründen! Prof. Kano nimmt diese Anregung auf, sammelt die letzten lebenden Altmeister um sich, und entwickelt daraus das erste  Kampfsystem neuer Art, nämlich Ju-Do (der „weiche“ Weg), das sich gleichzeitig als Sport, Erziehungs- und Selbstentwicklungsmethode versteht. Mit dem Eintritt Japans in den Kreis der führenden Industriemächte ab 1900 beginnt sich der Kreis zu schließen: Japan exportiert als erstes asiatisches Land neben seinen Industrieprodukten seine Kampfkünste, zunächst Ju-Jutsu, später Judo, Karate usw., die anderen asiatischen Länder folgen mit Verzögerung an entsprechender Stelle.

Dies alles entwickelte sich über ein halbes Jahrhundert relativ langsam, bis in den 60-er Jahren in Amerika etwas unglaubliches geschah: Mit dem ersten öffentlichen Auftreten von Bruce Lee in den USA wurde eine Revolution in Gang gesetzt, die erst nach seinem frühen Tod zu voller Blüte gelangte: Auflösung erstarrter Verbandsstrukturen, direkter Vergleich von Techniken und Kampfsystemen; der Aufstieg des Wing Chung und der philippinischen Systeme hatte zwar schon vor ihm begonnen, erreichte aber durch ihn und seinen Lehrer und Meisterschüler Dan Inosanto eine extreme Beschleunigung. Das von ihm geschaffene JKD- (Jet-Kune-Do)Konzept, in dem diese Strömungen mit und ohne Waffen zusammenflossen, kann als erste „moderne“ Kampfkunst bezeichnet werden. Gleichzeitig bekam auch das ursprüngliche Moment der Selbstverteidigung (SV), in der der Ernstfallgedanke im Vordergrund stehen muss, wieder die ihm zustehende Bedeutung  gegenüber  einer immer weiter fortgeschrittenen Versportlichung, die zwar athletische Spitzenleistungen zuließ, aber den Gedanken der Risikominimierung verdrängt hatte. 

Auch wenn unsere eigenen Forschungen davon unabhängig teilweise zu technisch anderen Lösungen führten, so sind sich alle unsere Lehrer bewusst, von den Entwicklungen, die in Amerika durch Bruce Lee stattgefunden hatten, zu profitieren. Am West-Coast-Institut (WCI) steht Norbert Paul als persönlicher Schüler von Dan Inosanto mit JKD-Real Combat für die Fortsetzung der amerikanischen Entwicklungslinie, während Volker Kunkel mit Reflexkampf auf den gleichen Fragestellungen aufbaute, aber durch einen anderen Schwerpunkt auch zu anderen Lösungen gelangt ist. Wir sind selbst gespannt, welche Forschungsergebnisse das Zusammentreffen beider Entwicklungsstränge mit sich bringen wird. Sie können durch den Besuch unserer Kampfkunst-  und Selbstverteidigungsseminare an dieser stofflich und erfahrungsmäßig fast unglaublichen Entwicklung teilhaben.